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Mechanische und chemisches Reycling allein werden nicht ausreichen, um die Recyclact Lücke zu füllen. Die Automobilindustrie benötigt auch recyclate.

Zunehmende PCR-Knappheit unter den Anforderungen der PPWR: Warum wir jetzt handeln müssen

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Die EU hat mit der Verpackungsverordnung PPWR ein klares Ziel formuliert: Der Übergang zur Kreislaufwirtschaft soll nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch funktionieren. Die Idee dahinter ist schlicht und wichtig: Eine europaweite Industriepolitik, die auf Recycling, Sammlung und Sortiertechnologien basiert, soll Arbeitsplätze schaffen und Klima- sowie Ressourcenziele verbinden. Doch die Realität sieht derzeit anders aus. Die erforderlichen Mengen an Post-Consumer-Recyclaten, kurz PCR, drohen bis 2030 nicht verfügbar zu sein – selbst unter optimistischen Annahmen.

Warum die PPWR wichtig ist

Die PPWR ist ein zentraler Baustein des europäischen Green Deal beziehungsweise des Clean Industrial Deal. Ziel ist es, in großen Volumen einer Industrie zu beweisen, dass Kreislaufwirtschaft funktioniert. Für mich ist dabei eines klar: Es geht nicht nur um Umweltpolitik. Es geht um Industriepolitik, um Arbeitsplätze und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit. Europa ist weltweit führend in Sortier- und Recyclingtechnologien. Wir haben also die Technologiekompetenz. Die Frage ist: Setzen wir diese Kompetenz jetzt in den Markt um?

Die Ziele der Verordnung in Zahlen

  • Rezyklatquoten: Je nach Produkt sind Einsatzquoten zwischen etwa 10 Prozent für sehr sensible Lebensmittelverpackungen und bis zu 35 Prozent für Non-Food-Verpackungen vorgesehen.
  • Recyclingrate insgesamt: Die PPWR ist auf eine Recyclingquote von 55 Prozent für Plastikverpackungen ausgerichtet. Aktuell liegt der Wert bei rund 42 Prozent.
  • Benötigte Mengen: Um die Zielvorgaben 2030 zu erfüllen, werden laut Modellrechnungen rund 6,1 Millionen Tonnen Rezyklate benötigt. Selbst in einem optimistischen Szenario werden jedoch nur etwa 5,1 Millionen Tonnen erreichbar sein.

Der aktuelle Status: Eine Rezyklat-Lücke

Wir haben einen einfachen, aber ernüchternden Befund: Selbst mit den besten heute verfügbaren Studien und einem optimistischen Szenario fehlen uns bis 2030 etwa eine Million Tonnen Rezyklate. Drei Gründe stechen heraus:

  1. Zu geringe Input-Mengen in die Recyclingkette. Selbst wenn die Produktion von Plastikverpackungen nur moderat wächst (angenommen 0,5 Prozent Wachstum auf rund 19,4 Millionen Tonnen), reichen die zur Verfügung stehenden Mengen nicht aus, um die geforderte Rezyklatmenge zu generieren.
  2. Technologische Engpässe: Mechanische Recyclinganlagen sind derzeit überlastet und neue Investitionen werden verschoben oder storniert. Chemische Recyclingverfahren, die zusätzliche Mengen liefern könnten, sind noch nicht im notwendigen Maß wirtschaftlich oder technisch einsatzfähig.
  3. Materialabfluss: Große Teile der heute erzeugten Rezyklate verlassen die Verpackungsindustrie und fließen in andere Branchen, beispielsweise in die Automobilindustrie.

Mechanisches versus chemisches Recycling

Die Bilanz sieht folgendermaßen aus: Wir gehen derzeit von etwa 2,7 Millionen Tonnen mechanischen Rezyklats aus. Chemische Recyclate werden im Modell mit 2,4 Millionen Tonnen angesetzt, allerdings nur unter der Annahme, dass diese Technologien in großem Maßstab anerkannt und eingesetzt werden. Realistisch stehen wir heute bei deutlich unter 0,3 Millionen Tonnen chemischer Rezyklate – also in „homöopathischen Mengen zu homöopathischen Preisen“, um eine treffende Beschreibung zu verwenden.

Das heißt: Mechanik kann kurzfristig mehr liefern, ist aber in Menge und ökonomischer Attraktivität begrenzt. Chemie hat Potenzial, scheitert bislang aber an Technologie­reife, Skalierungsproblemen und teils fragwürdigen Verfahren wie der Pyrolyse, die aus energieökonomischer Sicht problematisch ist.

Warum Investitionen stocken

Trotz politischer Rahmenbedingungen und Förderprogrammen werden geplante Recyclingkapazitäten gestrichen oder nicht realisiert. Aktuell sehen wir einen Verlust von etwa einer Million Tonnen geplanter jährlicher Recyclingkapazität. Das ist nicht nur bedenklich, es ist alarmierend, weil die Umsetzungszeit bis 2030 kurz ist.

Die Gründe sind vielfältig: Unternehmen verschieben Entscheidungen, weil sie glauben, es sei noch Zeit. Finanzierung ist zwar teilweise vorhanden, aber die Rentabilität vieler Projekte ist ungesichert. Zusätzlich konkurrieren andere Branchen um Rezyklate, sodass Hersteller, die heute investieren, nicht automatisch die Mengen für die Verpackungsindustrie sichern.

Die Marktstimmen: Keine Zweifel, aber wenig Handlung

Wir haben zahlreiche Marktakteure befragt: Markenhersteller, Verpackungsproduzenten, Recyclingunternehmen und Experten. Das Bild ist einheitlich in einem Punkt: Niemand zweifelt daran, dass Regulierung kommt. Die Rechtssicherheit innerhalb der EU wird als hoch eingeschätzt. Dennoch ist die Stimmung hinsichtlich der praktischen Umsetzbarkeit gedämpft.

Einige zentrale Aussagen aus den Gesprächen:

  • Mechanische Rezyklate sind mengenmäßig knapp erreichbar, aber wirtschaftlich oft unattraktiv.
  • Chemische Rezyklate sind noch nicht marktfähig. Pilotanlagen existieren, Skalierung bleibt aus.
  • Viele Unternehmen sichern sich bereits heute langfristig Mengen – das ist sinnvoll, aber zu wenige tun es.

Materialströme und Abfluss in andere Industrien

Ein Kernproblem ist der Abfluss von recycelten Materialien in Nicht-Verpackungsbranchen. In unserem Modell signalisiert eine Abflussrate von rund 70 Prozent, dass der Großteil der heute recycelten Verpackungsmaterialien in andere Industriezweige wandert. Das ist kurzfristig ökonomisch nachvollziehbar: Betreiber verkaufen an den höchsten Bieter. Für die Verpackungsindustrie hat das aber fatale Folgen, da genau dort die Rezyklate gebraucht werden, um die gesetzlich vorgeschriebenen Quoten zu erfüllen.

Hinzu kommt die mögliche Verlagerung von Nachfrage: Die Automobilindustrie signalisiert höhere Recyclinganforderungen und greift gern auf Verpackungsrezyklate zurück, weil eigene Rücklaufmengen nicht ausreichen. Solange wir nicht deutlich mehr Input-Material für Recycling bereitstellen, verschärft sich der Engpass.

Was Unternehmen heute konkret tun müssen

Die Erkenntnis ist klar: Wir haben kein Wissensdefizit, wir haben ein Handlungsdefizit. Es reicht nicht, auf den Lieferanten zu warten. Jeder Akteur in der Wertschöpfungskette muss aktiv werden. Einige konkrete Handlungsfelder sind:

  • Frühzeitige Beschaffung und Mengenabsicherung: Markenhersteller sollten langfristige Liefervereinbarungen für Rezyklate eingehen. Wer früh große Mengen sichert, hat einen Wettbewerbsvorteil.
  • Design for Recycling konsequent umsetzen: Monolayer statt Multilayer, Vereinfachung der Materialkombinationen und die Nutzung der bestehenden Design-Guidelines. Gute Ansätze liegen bereits vor, beispielsweise die schnellen Entwürfe für Design for Recycling.
  • Produktionsanpassungen und Tests: Maschinenanpassungen, Linienoptimierung und Testläufe sind notwendig. Produktionsumstellungen dauern länger als gedacht und verlangen Ressourcen.
  • Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette: Verpackungshersteller, Marken, Recycler und Maschinenbauer müssen Partnerschaften eingehen, um Testmengen, Qualitätsstandards und Logistik zu organisieren.
  • Alternative Materialien prüfen: Biobasierte Kunststoffe können in bestimmten Fällen anrechenbar sein, sind aber derzeit ebenfalls mengenmäßig begrenzt.

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: In einem Gespräch mit einer großen Verpackungsfabrik sagte die Einkaufsleiterin, man würde Rezyklate kurzfristig anfragen, sobald Bedarf bestehe. Auf Nachfrage zeigte sich, dass keine systematischen Beschaffungsstrategien existieren und Testprojekte isoliert in anderen Abteilungen laufen. Das ist typisch und zeigt das Handlungsdefizit auf.

Risiken und Chancen

Die Risiken sind offensichtlich: Unternehmen, die nicht rechtzeitig handeln, laufen Gefahr, 2030 Strafzahlungen zu erhalten oder Reputationsschäden zu erleiden. Gleichzeitig entstehen neue Wettbewerbsbedingungen: Wer früh Ressourcen sichert und Produkte kreislauffähig gestaltet, kann Marktanteile gewinnen.

Es gibt auch Gewinner: Branchen mit funktionierender Recyclinginfrastruktur, zum Beispiel Papier, erleben eine Renaissance. Paper-Composite-Produkte werden wieder attraktiver, weil Infrastruktur und Rücklaufmengen stabiler sind. Wer Rezyklate effizient einsetzt, kann neue Märkte besetzen. Ein positives Beispiel ist Polystyrol: Bei bestimmten Anwendungen könnten Rezyklate attraktiv genug sein, ganze Marktsegmente zu erschließen.

Kurzfristige Maßnahmen, die großen Einfluss haben

  1. Unmittelbare Bestandsaufnahme: Unternehmen müssen wissen, wie viel recyceltes Material sie heute und 2030 benötigen.
  2. Supply-Chain-Mapping: Wer liefert heute Rezyklate, wer kann liefern und welche Mengen sind verlässlich?
  3. Investitionsplanung: Gemeinsam mit Partnern sollten Volumen gesichert und Investitionsentscheidungen getroffen werden, inklusive Beteiligung an Recyclingprojekten.
  4. Politische Signale nutzen: Förderprogramme und Fördermittel sollten als Hebel genutzt werden, um Projekte voranzutreiben.

Fazit: Wir haben die Chance, aber die Zeit läuft

Die PPWR bietet die Chance, die Kreislaufwirtschaft in Europa zum industriellen Erfolgsmodell zu machen. Sie ist technisch möglich und ökonomisch sinnvoll. Aber die Umsetzung verlangt jetzt entschlossenes Handeln. Die Lücke zur Zielerreichung ist messbar: Es fehlt ein signifikanter Anteil an Rezyklaten, insbesondere wenn chemische Recyclingprozesse nicht rechtzeitig skalieren.

„Wir haben kein Wissensdefizit, wir haben ein Handlungsdefizit.“

Mein Appell ist unmissverständlich: Beginnen Sie jetzt mit Beschaffungsstrategien, testen Sie Rezyklate in Ihren Produktionslinien, gestalten Sie Produkte für Recycling und schließen Sie Partnerschaften. Nur wer heute handelt, kann 2030 nicht nur gesetzeskonform sein, sondern auch wirtschaftlich profitieren. Die Zeit für Ausreden ist vorbei. Es geht um klima- und industriepolitische Chancen, um Arbeitsplätze und um die Glaubwürdigkeit einer europäischen Industriepolitik. Packen wir es an.