Die neue Ökodesign Verordnung (ESPR) verändert grundlegend, wie Produkte in der EU gestaltet, hergestellt, verwendet und entsorgt werden sollen. Ziel ist nicht nur Energieeffizienz, sondern eine echte Kreislaufwirtschaft: längere Lebensdauer, bessere Reparierbarkeit, höherer Rezyklateinsatz und geringere Umweltbelastung entlang der gesamten Supplychain.

Was die Verordnung abdeckt – mehr als nur Energie
Die ESPR ist eine Rahmenverordnung und gilt unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten. Anders als frühere Ökodesign-Regelungen, die auf energieverbrauchsrelevante Produkte beschränkt waren, umfasst die neue Verordnung grundsätzlich alle physischen Produkte und Zwischenprodukte mit wenigen Ausnahmen (z. B. Lebensmittel, Futtermittel, Medizinprodukte, Fahrzeuge).
Statt sich nur auf CO2 oder Energieeffizienz zu beschränken, definiert die EU 16 Produktaspekte, aus denen konkrete Anforderungen abgeleitet werden. Grob lassen sich diese Anforderungen in zwei Typen unterteilen:
- Leistungsanforderungen: Mindest- oder Höchstwerte (z. B. Rezyklatanteil, Energieeffizienz).
- Informationsanforderungen: verpflichtende Angaben wie Reparierbarkeit, Verfügbarkeit von Ersatzteilen, Zuverlässigkeit, Informationen zu besorgniserregenden Stoffen und der digitale Produktpass.

Ökodesign Forum: Wer macht die Regeln konkreter?
Die praktische Ausgestaltung erfolgt nicht in der Verordnung selbst, sondern schrittweise über delegierte Rechtsakte. Kernorgan für Beratung und Ausarbeitung ist das Ökodesign Forum. Dort arbeiten zwei Gruppen mit:
- nationale Expertinnen und Experten, benannt durch Ministerien (z. B. Umweltbundesamt, BAM in Deutschland)
- Stakeholder aus Industrie, Wissenschaft, Umweltorganisationen, Gewerkschaften und Verbraucherorganisationen
Das Forum priorisiert Produktgruppen, entwickelt detaillierte Anforderungen und bewertet bestehende Branchen-Selbstverpflichtungen. Für KMU soll das Forum Informations- und Unterstützungsangebote bereitstellen. Teilnehmen ist weiterhin möglich, da das Forum kontinuierlich neu besetzt wird.

Erster Arbeitsplan: Priorisierte Produkte und Tempo
Im ersten dreibisfünfjährigen Arbeitsplan hat das Forum sechs Produktgruppen priorisiert, die sowohl hohen Umwelteinfluss als auch großes Kreislaufpotenzial haben:
- Textilien – Lebensdauerverlängerung, Ressourceneinsparung
- Möbel – große Auswirkungen entlang der Supplychain
- Reifen – Recyclingfähigkeit und End-of-Life-Management
- Matratzen – Abfallvermeidung durch längere Nutzung
- Eisen und Stahl – CO2- und Energieeffizienz sowie strategische Unabhängigkeit
- Aluminium – Förderung von Sekundäraluminium
Die EU-Kommission plant, pro Jahr zwei bis drei delegierte Rechtsakte zu veröffentlichen. Nach Veröffentlichung gibt es in der Regel eine Übergangszeit von 18 Monaten bis zur Umsetzung.

Horizontale Anforderungen
Weil viele Produkte (insbesondere energieverbrauchsrelevante) gemeinsame Herausforderungen haben, enthält der Arbeitsplan auch horizontale Anforderungen. Diese betreffen zunächst Reparierbarkeit, Rezyklatanteil und Recyclingfähigkeit.

Digitaler Produktpass: Pflichtinformation mit Zugriffskonzept
Der digitale Produktpass (DPP) wird zum zentralen Mittel für Informationsanforderungen. Zwei Dimensionen sind zu unterscheiden:
- Was im DPP steht: Inhaltliche Anforderungen – werden durch delegierte Rechtsakte festgelegt (z. B. Materialangaben, Nachweise zu besorgniserregenden Stoffen).
- Wie der DPP technisch funktioniert: IT-Architektur, Interoperabilität und zentrale EU-Register – werden über Normungsaufträge geregelt (Erwartung bis Ende 2025).
Wichtig: Es gilt das Need-to-know-Prinzip. Nicht alle Akteure erhalten Zugriff auf alle Informationen; nur diejenigen, die die Daten zweckmäßig nutzen können, bekommen entsprechende Rechte. Außerdem wird es ein zentrales EU-Register mit Produktidentifikatoren und unabhängige DPP-Anbieter geben, die interoperabel arbeiten müssen.
Konkreter Usecase: Möbel – mögliche Anforderungen
Als Beispiel zeigt eine Studie des Joint Research Centre, wie Anforderungen für Möbel aussehen könnten. Die Vorschläge sind noch nicht verbindlich, geben aber einen guten Eindruck:
- Materialdeklaration: Welche Materialien wurden verwendet, wie viele Komponenten, wie recycelbar sind die Materialien, sind sie trennbar?
- Nachhaltigkeitsnachweise: Anforderungen an zertifizierte Materialien oder Mindestanteile zertifizierter Rohstoffe.
- Standardbauteile und Modularität: Angaben zu verwendeten Bauteilen und deren Recyclingmöglichkeiten.
- Wartung und Reparatur: Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit von Ersatzteilen, Reparierbarkeit mit gebräuchlichem Werkzeug, Reparaturanleitungen.
- Umweltbilanz: CO2-Emissionen entlang der Produktion, CO2-Intensität der eingesetzten Ressourcen und Anteil von Ökostrom.
- Digitaler Produktpass: Pflicht für Möbel mit den genannten Informationen.
Timeline: Wichtige Meilensteine
Die ESPR ist bereits in Kraft. Wichtige Zeitpunkte im Fahrplan sind:
- Ende dieses Jahres: technische Details zum digitalen Produktpass erwartet.
- Ab nächstem Jahr: erste delegierten Rechtsakte für priorisierte Produktgruppen (Eisen und Stahl zuerst, dann horizontale Reparierbarkeitsanforderungen, Textilien, Reifen, Aluminium).
- 2028: Zwischenfazit des Arbeitsplans mit Review und möglicher Neuaufnahme weiterer Produkte (z. B. Schuhe).
- Bis 2030 und darüber hinaus: Aufnahme weiterer komplexer Gruppen wie Chemikalien (Polymere, Additive) in nachfolgenden Arbeitsplänen.
Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten
Die Verordnung betrifft Hersteller und Importeure direkt: Konformitätspflichten, Nachweispflichten und Anpassungen an Beschaffungsanforderungen (z. B. öffentliche Beschaffung) werden kommen. Einige einfache, praxisorientierte Schritte, um vorbereitet zu sein:
- Dateninventar anlegen: Welche Produktdaten liegen bereits vor? Materiallisten, Zusammensetzung, Lieferanteninformationen, CO2-Daten, Reparaturanleitungen.
- Produktportfolio priorisieren: Beginnen Sie mit Produkten, die im ersten Arbeitsplan genannt sind (z. B. Textilien, Möbel, Reifen).
- Digitaler Produktpass vorbereiten: Prüfen Sie IT-Fähigkeiten, Datenqualität und Schnittstellen zu möglichen DPP-Anbietern.
- Design for Repair und Recycling: Überprüfen Sie Produktkonstruktionen auf Trennbarkeit, Standardisierung von Bauteilen und Ersatzteilverfügbarkeit.
- Lieferketten einbinden: Sichern Sie Materialnachweise und Zertifikate entlang der Supplychain.
- Öffentliche Beschaffung beobachten: Wer an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen will, muss die neuen Ökodesign-Kriterien berücksichtigen.
- Dialog suchen: Beteiligen Sie sich im Ökodesign Forum oder tauschen Sie sich mit Branchenverbänden aus — besonders wichtig für KMU.
Fazit
Die Ökodesign Verordnung ist ein ambitioniertes Instrument zur Transformation hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft. Sie verlangt sowohl technische Anpassungen als auch organisatorische Vorbereitung. Kurzfristig zahlt sich eine strukturierte Datenaufnahme und die Vorbereitung auf den digitalen Produktpass aus. Mittelfristig gewinnen Unternehmen, die Produkte reparierbar, modular und mit hohem Rezyklatanteil gestalten, Wettbewerbsvorteile — nicht nur gegenüber Regulierungsanforderungen, sondern auch im Markt.
Beginnen Sie jetzt mit der Bestandsaufnahme, priorisieren Sie kritische Produktgruppen und planen Sie die Integration des digitalen Produktpasses. Die nächsten Jahre bringen delegierte Rechtsakte mit detailreichen Anforderungen — wer frühzeitig handelt, kann diese als Chance für Innovation und Differenzierung nutzen.
