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Die neue PPWR: Europa definiert Verpackungen neu

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

als Akteure in der komplexen Welt der Verpackung – ob Sie nun für den Einkauf, die Technik, die Forschung und Entwicklung, das Marketing oder die Einhaltung regulatorischer Standards zuständig sind – sind Sie stets an vorderster Front, wenn es um die Gestaltung unserer materiellen Welt geht. Die Art und Weise, wie Produkte geschützt, transportiert und dem Verbraucher präsentiert werden, ist nicht nur eine technische, sondern zunehmend auch eine strategische und ökologische Herausforderung. Vor diesem Hintergrund möchten wir Ihre Aufmerksamkeit auf eine der bedeutendsten regulatorischen Neuerungen der letzten Dekade lenken: die neue Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (Packaging and Packaging Waste Regulation – PPWR) der Europäischen Union.

Die PPWR: Ein Paradigmenwechsel für die Verpackungsindustrie

Die Europäische Kommission hat mit ihrem Vorschlag zur PPWR im November 2022 einen Grundstein für einen umfassenden Paradigmenwechsel in der europäischen Verpackungslandschaft gelegt. Es handelt sich nicht um eine bloße Überarbeitung der bestehenden Richtlinie 94/62/EG, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft. Die PPWR ist die Antwort Europas auf die steigenden Verpackungsabfallmengen und den Wunsch, die Ressourceneffizienz zu maximieren. Sie zielt darauf ab, die Lebenszyklen von Verpackungen zu verlängern, die Umweltbelastung zu reduzieren und Innovationen im Bereich nachhaltiger Verpackungslösungen voranzutreiben.

Für Sie, als Fachleute, bedeutet dies, dass die PPWR weit über die bloße Einhaltung von Grenzwerten hinausgeht. Sie fordert ein Umdenken, eine kreative Neugestaltung und eine tiefgreifende Integration von Nachhaltigkeitsprinzipien in jeden einzelnen Schritt des Verpackungsprozesses – vom Design über die Materialauswahl bis hin zum End-of-Life-Management.

Zentrale Säulen der PPWR: Ambitionierte Ziele und Wege zur Umsetzung

Die PPWR ist ein umfassendes Regelwerk, das eine Vielzahl von Zielsetzungen und Maßnahmen beinhaltet. Sie ist vergleichbar mit einem komplexen Uhrwerk, in dem jedes Zahnrad präzise ineinandergreifen muss, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

a) Reduzierungsziele für Verpackungsabfälle: Weniger ist mehr

Ein Kernziel der PPWR ist die ambitionierte Reduktion von Verpackungsabfällen pro Kopf. Bis 2030, 2035 und 2040 sind signifikante Reduktionsziele von 5%, 10% bzw. 15% im Vergleich zum Aufkommen von 2018 vorgesehen. Dies legt eine direkte Verantwortung auf die Mitgliedstaaten und indirekt auf die gesamte Wertschöpfungskette der Verpackungen.

  • Implikationen für Produktentwicklung und Einkauf: Für Sie im Bereich Produktentwicklung und Einkauf bedeutet dies eine verstärkte Fokussierung auf Leichtbauweisen, den Verzicht auf unnötige Verpackungsschichten und die Erforschung von unkonventionellen Verpackungslösungen, die das Produkt adäquat schützen, aber minimalen Materialeinsatz erfordern. Denken Sie an Konzepte wie „Konzentrate für Nachfüllsysteme“ oder „Verpackungslose Liefermodelle“.

b) Wiederverwendung und Nachfüllsysteme: Das Comeback des Kreislaufs

Die PPWR fördert massiv die Etablierung und Ausweitung von Wiederverwendungssystemen. Es werden spezifische, verbindliche Wiederverwendungsquoten für eine Vielzahl von Verpackungsformaten festgelegt – von Getränkeflaschen über Transportverpackungen bis hin zu Verpackungen im Onlinehandel.

  • Herausforderungen und Chancen für Marketing und Technik: Dies stellt insbesondere das Marketing vor die Herausforderung, die Akzeptanz von Mehrwegsystemen bei den Verbrauchern zu steigern. Für die Technik bedeutet es die Entwicklung robusterer Verpackungen, die eine Vielzahl von Reinigungs- und Wiederbefüllzyklen unbeschadet überstehen können, sowie die Implementierung effizienter Logistik- und Reinigungsinfrastrukturen. Betrachten Sie Mehrweg nicht als Kostenfaktor, sondern als Chance zur Kundenbindung und als Differenzierungsmerkmal.

c) Recyclebarkeit und Recyklatanteile: Qualität statt Quantität

Die Verordnung schreibt vor, dass alle Verpackungen bis 2030 recyclebar sein müssen. Darüber hinaus werden verbindliche Mindestprozentsätze für den Einsatz von recyceltem Material in neuen Kunststoffverpackungen festgelegt. Diese Quoten variieren je nach Verpackungstyp und sind gestaffelt bis 2030 und 2040.

  • R&D Materialien und Verpackung im Fokus: Hier sind Sie, unsere Spezialisten in R&D Materialien und Verpackung, gefragt. Die Entwicklung von Monomateriallösungen, die Trennung und das Recycling erheblich vereinfachen, wird zur Priorität. Die Suche nach hochqualitativen Rezyklaten und die Überwindung technischer Hürden bei deren Einarbeitung in Verpackungen, insbesondere für Lebensmittelkontaktmaterialien, ist eine Mammutaufgabe. Die PPWR öffnet aber auch die Tür für innovative Recyclingtechnologien wie das chemische Recycling, das momentan noch in den Kinderschuhen steckt, aber enormes Potenzial birgt.

d) Kennzeichnungspflichten: Transparenz schafft Vertrauen

Die PPWR sieht eine Harmonisierung der Kennzeichnung von Verpackungen in der gesamten EU vor. Dies umfasst Informationen über die Materialzusammensetzung der Verpackung, spezifische Entsorgungshinweise und gegebenenfalls Angaben zur Rezyklierbarkeit. Ziel ist es, die Verbraucher bei der korrekten Entsorgung zu unterstützen und die Sammelquoten zu erhöhen.

  • Compliance und Marketing in der Pflicht: Für Compliance-Verantwortliche bedeutet dies eine genaue Überprüfung und Anpassung aller bestehenden und zukünftigen Verpackungskennzeichnungen. Das Marketing kann diese Transparenz nutzen, um das Engagement des Unternehmens für Nachhaltigkeit zu kommunizieren und das Vertrauen der Verbraucher zu stärken. Eine klare, verständliche Kennzeichnung ist wie ein Wegweiser im Dickicht des Abfallmanagements.

e) Verbote bestimmter Verpackungsformate: Ein klares Signal gegen Verschwendung

Die PPWR verbietet die Verwendung bestimmter Verpackungsformate, insbesondere bei Einwegverpackungen in Bereichen, in denen Mehrweglösungen oder verpackungslose Alternativen praktikabel sind. Dazu gehören unter anderem Einwegverpackungen in der Gastronomie für den Vor-Ort-Verzehr oder sehr kleine Verpackungen für Toilettenartikel in Hotels.

  • Strategische Anpassung und Innovation: Diese Verbote erfordern eine strategische Neubewertung des Produktportfolios und der Lieferketten. Für Unternehmen, die von diesen Verboten betroffen sind, ist es unabdingbar, innovative Alternativen zu entwickeln. Dies kann die Umstellung auf Mehrwegsysteme, die Entwicklung von Verpackungsalternativen aus nachwachsenden Rohstoffen oder sogar die Umgestaltung des gesamten Geschäftsmodells bedeuten.

Auswirkungen auf verschiedene Unternehmensbereiche: Eine interdisziplinäre Herausforderung

Die PPWR ist keine isolierte Richtlinie, die nur einen begrenzten Teil Ihres Unternehmens betrifft. Sie ist ein Netz, das sich über alle Abteilungen spannt und eine neue Form der Zusammenarbeit erfordert.

a) Einkauf und Lieferantenmanagement: Neue Prioritäten setzen

Der Einkauf ist gefordert, enge Partnerschaften mit Lieferanten von nachhaltigen Materialien und innovativen Verpackungslösungen aufzubauen. Die reine Preisoptimierung muss um Aspekte wie Verfügbarkeit von Rezyklaten, die Einhaltung von Recyclingstandards und die Bereitschaft zur Innovation erweitert werden. Es geht darum, nicht nur Produkte, sondern Lösungen einzukaufen.

  • Auditierung und Transparenz: Die genaue Überprüfung der Herkunft und Zusammensetzung von Materialien, die Zertifizierung von Rezyklaten und die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards in der Lieferkette werden essenziell.

b) Verpackungstechnik und Entwicklung: Innovationskraft entfalten

Für Verpackungstechniker und Entwickler ist die PPWR sowohl eine Belastung als auch eine enorme Chance. Die Notwendigkeit, recyclebare, rezyklathaltige und wiederverwendbare Verpackungen zu entwickeln, treibt die Innovation voran.

  • Design for Recycling (DfR) und Design for Reusability (DfR): Diese Konzepte müssen von Anfang an in den Entwicklungsprozess integriert werden. Die Zusammenarbeit mit Recyclingunternehmen und Abfallwirtschaftsexperten wird unerlässlich, um die tatsächliche Rezyklierbarkeit und Wiederverwendbarkeit sicherzustellen.

c) R&D Materialien: Die Materialwissenschaft neu denken

Die R&D-Abteilungen müssen sich verstärkt der Erforschung und Entwicklung neuer Materialien widmen, die die Anforderungen der PPWR erfüllen. Dies umfasst sowohl biobasierte Kunststoffe, kompostierbare Materialien (wo sinnvoll) als auch die Verbesserung der Eigenschaften von Rezyklaten.

  • Lebensmittelkontakt und Regulatorik: Insbesondere bei Lebensmittelverpackungen sind die Herausforderungen groß. Die Einhaltung strenger Hygiene- und Sicherheitsstandards bei gleichzeitiger Umsetzung der PPWR-Anforderungen erfordert hochspezialisiertes Wissen und enge Abstimmung mit den Regulierungsbehörden.

d) Marketing und Vertrieb: Nachhaltigkeit als Markenwert positionieren

Die PPWR bietet für das Marketing die Möglichkeit, Nachhaltigkeit als zentralen Markenwert zu etablieren. Verbraucher sind zunehmend bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu zahlen, wenn die Kommunikation transparent und glaubwürdig ist.

  • Storytelling und Bildung: Erklären Sie Ihren Kunden, warum Sie bestimmte Verpackungsmaterialien verwenden, wie sie richtig entsorgt werden und welchen Beitrag sie zur Kreislaufwirtschaft leisten. Nutzen Sie die neuen Kennzeichnungspflichten als Chance für Bildung und Engagement.

e) Regulatorik und Compliance: Immer am Puls der Zeit bleiben

Die Komplexität der PPWR erfordert eine kontinuierliche Überwachung und Anpassung. Der enge Austausch mit nationalen Behörden und Industrieverbänden ist entscheidend, um frühzeitig über Änderungen und Interpretationen informiert zu sein.

  • Interne Auditierung und Schulung: Regelmäßige interne Audits zur Überprüfung der Konformität und die Schulung aller relevanten Mitarbeiter sind unerlässlich, um Bußgelder und Reputationsschäden zu vermeiden.

Fazit: Die PPWR als Katalysator für eine nachhaltige Zukunft

Die PPWR ist mehr als ein Gesetz; sie ist ein Katalysator für einen grundlegenden Wandel in der Verpackungsindustrie. Sie fordert Sie alle auf, Ihr Wissen, Ihre Kreativität und Ihr Engagement einzusetzen, um Verpackungen neu zu denken und zu gestalten. Betrachten Sie die PPWR nicht als Hürde, sondern als Sprungbrett in eine Zukunft, in der Verpackungen nicht länger als lineares Abfallprodukt, sondern als integraler Bestandteil einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft verstanden werden.

Der Weg wird zweifellos Herausforderungen mit sich bringen – technischer, wirtschaftlicher und logistischer Natur. Doch die Belohnung ist eine widerstandsfähigere, ressourceneffizientere und umweltfreundlichere Wirtschaft. Die Zeit ist reif, die Ärmel hochzukrempeln und diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Ihre Expertise ist gefragt, um sicherzustellen, dass Europa seine Verpackungen nicht nur neu definiert, sondern auch nachhaltig neu erfindet.

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FAQs

 

Was versteht man unter der neuen PPWR?

Die neue PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation) ist eine europäische Verordnung, die darauf abzielt, die Herstellung, Nutzung und Entsorgung von Verpackungen in der Europäischen Union neu zu definieren und nachhaltiger zu gestalten.

Welche Ziele verfolgt die PPWR?

Die PPWR hat das Ziel, die Umweltauswirkungen von Verpackungen zu reduzieren, die Kreislaufwirtschaft zu fördern, den Einsatz von recycelbaren Materialien zu erhöhen und die Abfallmenge durch Verpackungen zu verringern.

Welche Änderungen bringt die neue PPWR für Hersteller mit sich?

Hersteller müssen künftig strengere Anforderungen hinsichtlich der Materialwahl, der Recyclingfähigkeit und der Wiederverwendbarkeit von Verpackungen erfüllen. Zudem sind sie verpflichtet, die Verpackungen so zu gestalten, dass sie leichter recycelt werden können.

Wie beeinflusst die PPWR Verbraucher und Handel?

Verbraucher profitieren von umweltfreundlicheren Verpackungen und einer besseren Kennzeichnung, die nachhaltige Kaufentscheidungen erleichtert. Der Handel muss sicherstellen, dass angebotene Verpackungen den neuen gesetzlichen Vorgaben entsprechen.

Wann tritt die neue PPWR in Kraft und wie erfolgt die Umsetzung?

Die PPWR wird schrittweise eingeführt, wobei die genauen Zeitpläne von der Europäischen Kommission festgelegt werden. Mitgliedstaaten sind verpflichtet, die Verordnung in nationales Recht umzusetzen und die Einhaltung zu überwachen.