Eine aktuelle Studie von Interzero weist auf eine alarmierende Lücke hin: Bis 2030 fehlen in der EU rund eine Million Tonnen Post‑Consumer‑Rezyklat, das die Verpackungsindustrie braucht, um die Vorgaben der geplanten PPWR zu erfüllen. Diese Zahl ist kein abstraktes Szenario. Sie beschreibt eine reale Versorgungslücke, die jetzt schon spürbar ist und die Anbieter, Marken und Recyclingunternehmen vor harte Entscheidungen stellt.
Warum die Rezyklat‑Knappheit eine Dringlichkeit ist
Die PPWR legt verbindliche Recyclingquoten für Verpackungen fest. Ab 2030 müssen Marken und Händler bestimmte Anteile an Post‑Consumer‑Rezyklat (PCR) in ihren Verpackungen nachweisen. Trotzdem ist PCR heute bereits knapp, teuer und qualitativ nicht immer geeignet für Lebensmittelverpackungen oder anspruchsvolle Anwendungen. Die Gründe liegen auf mehreren Ebenen und verstärken sich gegenseitig:
- Unzureichende Sortier‑ und Recyclinginfrastruktur. Viele Anlagen sind nicht für hochwertige, homogene Inputströme ausgelegt. Das Ergebnis ist ein Rezyklat mit variabler Qualität.
- Wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Hohe Prozesskosten und fehlende Preisprämien für hochwertige Sekundärrohstoffe bremsen Investitionen in Technologien, die bessere PCR‑Qualitäten liefern könnten.
- Marktdynamik und Verfügbarkeit. Einige ehemals genutzte Materialströme sind plötzlich nicht mehr verfügbar. Beispielhaft erwähnt wurde Milchflaschenmaterial aus dem Vereinigten Königreich, das nun im Inland bleibt.
- Produktdesign. Verpackungen werden oft so gestaltet, dass sie Recyclingprozesse erschweren. Verbundmaterialien, Beschichtungen und gemischte Substrate verschlechtern die Sortierbarkeit und Senken die Qualität des Rezyklats.
Was genau ist PCR und warum ist es knifflig?
Post‑Consumer‑Rezyklat ist ein Kunststoffgranulat, das aus dem Abfallstrom der Verbraucher gewonnen wird. Typische Quellen sind gelbe Tonnen oder gelbe Säcke, aber auch andere getrennte Rücklaufströme. Der Weg vom Abfall zum Regranulat umfasst Sortierung, Ballen, verschiedene Reinigungs‑ und Aufbereitungsschritte und schließlich Extrusion. Jeder dieser Schritte kann die Qualität beeinflussen.
Wenn der Input heterogen ist, entstehen Schwankungen in Farbe, Reinheit und technischen Eigenschaften. Das erschwert die Nutzung für anspruchsvolle Verpackungsanwendungen. Zudem war über Jahre der Virgin‑Kunststoff preisstabil und günstig. Für viele Verpackungshersteller fällt die Entscheidung wirtschaftlich aus: Virgin ist einfacher und planbarer.
Die Studie von Interzero: 1 Million Tonnen fehlen bis 2030
Die Studie quantifiziert eine Lücke, die viele Marktteilnehmer bereits spürten. Die eine Million Tonnen bezieht sich allein auf die Verpackungsindustrie und die durch die PPWR ausgelöste zusätzliche Nachfrage nach PCR. Die Zahl berücksichtigt heutige Marktverhältnisse, die Schließung kleiner Marktteilnehmer und die strukturellen Engpässe. Sie ist ein Weckruf: Wenn nichts passiert, drohen nicht nur Bußgelder, sondern auch Versorgungsengpässe, Produktionsausfälle und eine Marktverzerrung zugunsten weniger, sehr gut aufgestellter Akteure.
Weshalb Strafen nicht die einzige Antwort sein sollten
Die Legislativdiskussionen rund um die PPWR sehen Strafen vor, falls Quoten nicht erfüllt werden. Doch die Diskussionsteilnehmer im Sektor betonen: Effektiver als Strafen sind Anreize und klare Marktanforderungen. Beispiele dafür sind Handelsunternehmen, die ihre Eigenmarken verbindlich an Mindeststandards für Rezyklatgehalt oder Recycelbarkeit binden. Solche Anforderungen treiben Nachfrage und geben Investitionssicherheit für Recyclinganlagen.
Wer kontrolliert und wer zahlt?
Eine große Frage bleibt: Wer überwacht die Einhaltung? Und wie wird länderübergreifend mit Delegierten Rechtsakten umgegangen? Diese Unklarheiten verstärken die Unsicherheit bei Investoren. Entsprechend ist es für Marken jetzt ratsam, aktiv zu werden, statt auf gesetzliche Klärungen zu warten.
Sechs Sofortmaßnahmen für Unternehmen
Aus der Studie und den Experteninterviews lassen sich sechs konkrete Maßnahmen ableiten, die Unternehmen sofort angehen sollten. Sie sind praxisorientiert und kombinieren Produktgestaltung, Beschaffung und Kooperation.
- Design for Recycling ernst nehmen
Verpackungen müssen so gestaltet werden, dass sie sortenrein und einfach aufbereitbar sind. Materialien, Klebstoffe, Beschichtungen und Labels sollten in enger Abstimmung mit Sortierern und Recyclern ausgewählt werden. - Langfristige, multi‑track PCR‑Beschaffung
Verträge mit mehreren Lieferanten schließen, langfristige Mengensicherungen aushandeln und Risiko streuen. So lassen sich Ausfälle einzelner Ströme und plötzliche Engpässe abfedern. - Pilotprojekte und Partnerschaften
Gemeinsame Projekte entlang der Wertschöpfungskette durchführen, um Erfahrungen mit PCR‑Formulierungen, Maschinenparametern und Verpackungsdesigns zu sammeln. - Portfolio anpassen und PPR‑ready machen
Produktportfolios analysieren und priorisieren: Welche Verpackungen sind leicht umzustellen, welche benötigen Entwicklungsaufwand? Managementebene einbeziehen, denn es ist eine strategische Investitionsfrage. - In Qualität und Infrastruktur investieren
Hohe PCR‑Qualität erfordert technische Investitionen in Sortierung, Waschung und Extrusion sowie in Forschung an Additiven und Formulierungen. - Typische Fehler vermeiden
Keine kurzfristigen Ausschreibungen, Designänderungen ohne Recyclingberatung oder das Überschätzen eigener Beschaffungsmöglichkeiten. Recycelbare Lösungen müssen ganzheitlich gedacht werden.
Design for Recycling: Warum es der Hebel Nummer eins ist
Eines der klaren Mantras lautet: Was vorne reingeht, bestimmt, was hinten rauskommt. „Garbage in garbage out“ oder auf Deutsch: Recyclinganlagen sind keine Kläranlagen. Wenn Inputströme zu heterogen sind, lässt sich keine gleichbleibend hohe Produktqualität erzielen.
Recyclinganlagen sind keine Kläranlagen. Wenn wir etwas einheitlich und sauber einspeisen, bekommen wir auch ein konsistentes Produkt zurück.
Das bedeutet konkret: Weniger Verbunde, klar erkennbare Kunststofftypen, standardisierte Farben oder transparente Kennzeichnungen erleichtern die Sortierung und verbessern die technische Eignung von PCR für hochwertige Anwendungen. Design for Recycling ist damit kein Marketingtrick, sondern eine ökonomische Notwendigkeit.
Einkaufsstrategien: Mehrgleisigkeit zahlt sich aus
Marken sollten nicht auf einen einzigen Rezyklatlieferanten setzen. Der Markt ist fragmentiert. Kleine Spezialanbieter können für bestimmte Qualitäten sehr wertvoll sein. Eine Multi‑Track‑Strategie verteilt das Risiko und ermöglicht Zugriff auf unterschiedliche Qualitäten. Besonders sinnvoll sind:
- Langanhaltende Verträge mit Mengensicherung
- Kooperationen mit Recyclern für gemeinsame Absicherungen
- Klare Spezifikationen und Qualitätssicherungsprozesse
Pilotprojekte: Lernen durch Tun
Der Umstieg von Virgin auf PCR ist nicht Plug and Play. Maschinenparameter ändern sich, Verarbeitungsfenster verschieben sich und Farbabweichungen müssen gemanagt werden. Pilotprojekte sind die effektivste Methode, um Erfahrungswissen aufzubauen. Das reduziert Umrüstzeiten, minimiert Ausschuss und schafft realistische Produktionspläne.
Wer profitiert, wenn man jetzt handelt?
Frühstarter werden mehrere Vorteile haben:
- Sichere Materialversorgung und geringeres Risiko bei Lieferengpässen
- Imagegewinn bei zunehmend bewussten Kundinnen und Kunden
- Wettbewerbsvorteil durch Erfahrung und optimierte Prozesse
- Möglichkeit, Anforderungen in der Lieferkette mitzugestalten
Es gibt bereits Beispiele, wo Unternehmen langfristig Materialströme gesichert haben. Diese Fälle zeigen, dass man mit gezielter Beschaffung und Partnerschaften auch in einem volatilen Markt erfolgreich sein kann.
Die Rolle von Dienstleistern und Beratern
Viele Unternehmen fühlen sich überfordert. Die PPWR ist komplex, Delegierte Rechtsakte kommen hinzu und die technische Umsetzung ist anspruchsvoll. Hier können spezialisierte Dienstleister helfen: Sie bieten rechtliche Interpretation, technische Beratung, Supply‑Chain‑Unterstützung und Forschung und Entwicklung für maßgeschneiderte Rezyklatlösungen. Ein Partner, der sowohl Recyclinginfrastruktur als auch Formulierungs‑Knowhow bietet, kann den Weg erheblich verkürzen.
Praktische Checkliste zum Sofortstart
- Bewerten Sie Ihr Verpackungsportfolio auf Recycelbarkeit und PCR‑Eignung.
- Priorisieren Sie Verpackungen, die sich schnell auf PCR umstellen lassen.
- Starten Sie Pilotprojekte in enger Abstimmung mit Recyclerpartnern.
- Schließen Sie mehrjährige Lieferverträge mit mehreren PCR‑Lieferanten.
- Integrieren Sie Design for Recycling in Briefings an Agenturen und Lieferanten.
- Binden Sie die Geschäftsführung ein. Das Thema benötigt strategische Priorität.
Fazit: Jetzt handeln, statt auf 2030 zu warten
Die Lücke von einer Million Tonnen PCR bis 2030 ist ein realistisches Szenario, das Konsequenzen für Versorgungssicherheit, Kostenstrukturen und Marktstruktur hat. Wer jetzt handelt, hat die Chance, sich zu positionieren, Risiken zu mindern und Marktanteile zu sichern. Entscheidend ist ein integrativer Ansatz: Verpackungsdesign, Beschaffung, technische Anpassungen und enge Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette.
Die Empfehlung ist klar: Nicht erst auf die delegierten Rechtsakte oder Strafen warten. Packen Sie das Thema strategisch an, starten Sie Pilotprojekte, sichern Sie Materialmengen und gestalten Sie Verpackungen so, dass sie wirklich rezyklierbar sind. Nur so lässt sich die Versorgungslücke schließen und die PPWR‑Quoten zuverlässig erfüllen.
Weiterführende Schritte
Wenn Sie sofort etwas tun wollen, beginnen Sie mit einer schnellen Portfolioanalyse und einem Gespräch mit einem Recycler oder Berater. Holen Sie Pilotprojekte ins Rollen und prüfen Sie Ihre Beschaffungsstrategie auf Langfristigkeit und Diversifizierung. 2030 ist näher als viele denken.
Praktische Vorlagen & Muster
Zum schnellen Einsatz finden Sie hier kurze Vorlagen, die Sie ans Ende des Artikels anhängen oder direkt in Ihre Beschaffungs‑ und Entwicklungsprozesse übernehmen können.
Kurz-Checklist für PCR-Beschaffung
- Gewünschte Polymerart (z. B. PET, PE, PP) klar benennen
- Qualitätsparameter definieren: Reinheit, IV/Wert, Farbton, Feuchte
- Liefermengen & Lieferintervalle festlegen
- Testlieferung + Laboranalyse vornehmen
- Mehrjährige Rahmenvereinbarung mit Ausfallklauseln
Muster-Spezifikation (Kurzversion)
Produkt: PCR‑PET Flakes Farbe: transparent bis hellblau Kontaminanten: < 1,0 % Fremdstoffe IV/Basiseigenschaft: 0,75 – 0,85 dl/g Feuchtigkeit: < 0,2 % Liefermenge: 50 t/Jahr (monatliche Lieferungen) Prüfprotokoll: Lieferant stellt je Lieferung Analysebericht
Mustervertragliche Klausel (Mengensicherung)
Der Lieferant sichert dem Abnehmer eine jährliche Mindestmenge zu. Bei Überschreitung der zugesagten Menge gelten vereinbarte Staffelpreise. Kündigung nur mit 12 Monaten Frist und bei schwerwiegender Nichterfüllung möglich. Beide Parteien verpflichten sich zur Abstimmung technischer Spezifikationen in einem halbjährlichen Review.
Pilotprojekt-Template (3 Schritte)
- Planung (4–6 Wochen): Zieldefinition, Maschinenabgleich, Auswahl Testchargen
- Durchführung (2–8 Wochen): Testläufe, Qualitätsmessungen, Anpassungen
- Auswertung & Rollout (2–4 Wochen): KPIs bewerten, Freigabeprozesse, Skalierung
Diese Vorlagen sind bewusst kompakt gehalten, damit Sie schnell starten können. Für tiefergehende Anpassungen empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einem technischen Berater oder Recycler.
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